Die zweite Seite

Alle Dinge haben zwei Seit­en: vorn und hin­ten, schwarz und weiß, schön und klug, wahr und wirk­lich – um nur einige von der ein­facheren Art zu nen­nen. Doch es ist nicht immer so ein­fach. Während die eine Seite meist offen­sichtlich ist, wartet die andere im Ver­bor­ge­nen auf ihre Ent­deck­ung. Aber sie ist zweifel­los da!
Meine Keramik­skulp­turen zum Beispiel sind meist eck­ig, kantig, durch­dacht. Selb­st üppige Run­dun­gen ziehen sich zurück hin­ter schar­fen Lin­ien. Vielle­icht hat das was mit mein­er alten Liebe zur Math­e­matik und beson­ders zur Geome­trie zu tun – jen­em Bere­ich, in dem Fra­gen mit ein­er hand­voll Dog­men fix beant­wortet wer­den kön­nen. Äußerst prak­tisch und doch so vorbes­timmt!
Paulchen ist der Gegen­pol dazu: skizzen­haft, grob, unprä­ten­tiös. Ein biss­chen toll­patschig, manch­mal unbe­holfen – mit all seinen Fehlern, den durcheinan­derg­er­ate­nen Kör­per­pro­por­tio­nen und viel zu großen Füßen. Aber hey, wen interessiert’s? Nobody is per­fect! Wer etwas anderes behauptet, lügt. Vol­lkom­men­heit beein­druckt, doch das Unper­fek­te berührt uns – vielle­icht, weil wir darin ein Stück von uns selb­st erken­nen? Ist das die ver­bor­gene Kehr­seite – die Befreiung vom per­ma­nen­ten Zwang zu Funk­tion und Erfolg? Hmmm… schon möglich. Die Zweit­en haben’s oft in sich.
Ich liebe meine kanti­gen Skulp­turen und werde bes­timmt noch viele gestal­ten. Und wenn ich Lust auf Plan­losigkeit und Über­raschun­gen bekomme, greife ich zum schwarzen Ton und erfinde ein neues Aben­teuer mit Paulchen. 
Schön, wenn man’s kann!